Geschichte

Kleine Geschichte der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten in Gelsenkirchen

1. Von der Befreiung vom Faschismus bis zur Bekämpfung der VVN in den 1950er Jahren

Am 8./9. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa mit der Befreiung vom Faschismus. In Gelsenkirchen endete der Zweite Weltkrieg bereits im April des Jahres. Nach erneuten Luftangriffen im März 1945 auf die bereits 1944 schwer getroffene Industriestadt wurde zunächst das Stadtgebiet nördlich des Kanals besetzt. Begleitet von Artillerie-Beschuss rückten am Gründonnerstag, 29. März und Karfreitag, 30. März Einheiten der US-Armee vor. Sie erreichten in den Abendstunden des Karfreitags Buer-Mitte und Horst sowie am Karsamstag Erle, Resse und den Rhein-Herne-Kanal. Da die deutsche Wehrmacht am 28. März die Brücken über Rhein-Herne-Kanal und Emscher gesprengt hatten, wurde das südliche Stadtgebiet Gelsenkirchens erst am 10. April 1945 besetzt, als Einheiten der US-Armee ohne Gegenwehr einrückten und die oberste Gewalt im Stadtgebiet übernahmen. Die Nazi-Stadtspitze hatte sich bereits Anfang April in Richtung Ostwestfalen abgesetzt.

Für die meisten der verbliebenen 150.000 Einwohner Gelsenkirchens bedeutete der 10. April 1945 zunächst nur das Ende des Krieges, für andere, besonders für politisch und rassisch Verfolgte, Inhaftierte und Zwangsarbeiter war es der Tag der Befreiung vom Faschismus. Noch in den letzten Kriegstagen hatten Nazis weitere Verbrechen verübt. So waren in den Morgenstunden des Karfreitags vor dem Einmarsch der US-Armee etwa 25 russische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter von der Gestapo nur in Hemd und Hose bekleidet aus dem Polizeigefängnis Buer über die Goldbergstraße in den Westerholter Wald geführt und dort ermordet worden. Ebenfalls Ende März waren Zwangsarbeiter aus Osteuropa im Stadtgarten ermordet und in einem Bombenkrater verscharrt worden. Ihre Identität wurde nie geklärt. Die Mörder vermutete man in den Angehörigen einer Volkssturmeinheit, auch ihre Identität wurde nie zweifelsfrei festgestellt.

Mit der Einrichtung der alliierten Kommandantur in der damaligen Mädchenmittelschule an der Rotthauser Straße (heute Gertrud-Bäumer-Realschule) begann die Nachkriegszeit. Zunächst von amerikanischem Militär regiert, übernahm Mitte April (Alt-Gelsenkirchen) bzw. Ende Mai 1945 (Buer) die britische Armee die Regierungsgewalt. Diese setzte nach einer Übergangsphase, in der eine kollegiale Leitung aus Sozialdemokraten, Kommunisten und Christen unter einem kommissarischen Oberbürgermeister bestanden hatte, am 25. Mai 1945 den von den Nazis entlassenen Oberbürgermeister Emil Zimmermann ein, der die kollegiale Leitung abschaffte und eine hierarchische, entpolitisierte Stadtverwaltung aufbaute.

Das Komitee ehemaliger politischer Gefangener und Konzentrationäre

Ab April 1945 begann auch der Wiederaufbau von Parteien mit SPD, KPD, (katholisches) Zentrum und Christlicher Vereinigung (spätere CDU), sowie die erfolgreiche Bildung von Betriebsräten und einer Einheitsgewerkschaft, die Ausgangspunkt für die DGB-Gewerkschaften wurde. Ebenfalls wurde bis Sommer 1945 – ein genaues Gründungsdatum ist nicht bekannt – mit dem Gelsenkirchener „Komitee ehemaliger politischer Gefangener und Konzentrationäre“ der Vorläufer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) gebildet.

Im Vordergrund standen zunächst die Unterstützung der Überlebenden und ihre Versorgung mit dem Notwendigsten. Vertreter des Komitees wurden in den städtischen Wohlfahrts- und Fürsorgeausschuss berufen. Daneben wurden im Juni und am zweiten Sonntag im September Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Faschismus begangen. Im April 1946 wurde ein Kreissonderhilfsausschuss gebildet, der für die Anerkennung als Verfolgter des Naziregimes zuständig war. Bis September desselben Jahres wurden 639 Personen anerkannt, davon 428 in Gelsenkirchen, 161 in Buer und 50 in Horst.

Frauen ermordeter Gelsenkirchener Widerstandskämpfer 1948 (v.l.n.r.) Auguste Frost, Anna Bukowski, Emma Rahkob, Änne Littek, Luise Eichenauer (Foto: Privatbesitz)

1946/47 nannte sich das Komitee „Vereinigung ehem. politischer Gefangener“ und trat vermehrt mit politischen Veranstaltungen auf, verstärkte seine Bemühungen, über die NS-Zeit aufzuklären und engagierte sich für eine gerechte Strafe der verantwortlichen Nazis.

Die Gründung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN)

Als Gründungsdatum der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN)“ gilt das Jahr 1947. Zuvor war auf der ersten Interzonalen Konferenz der ehemaligen Häftlinge vom 20. – 22. Juli 1946 in Frankfurt am Main das Programm der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN)“ verabschiedet worden. Am 26. Oktober 1946 erfolgte mit 500 Delegierten, darunter 12 aus Gelsenkirchen, in Düsseldorf die Gründung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der VVN. Den Abschluss fand die Gründungsphase nach der Gründung weiterer Landesverbände auf der 1. Interzonalen Länderkonferenz der VVN vom 15. – 17. März 1947 in Frankfurt am Main mit der Bildung des „Gesamtdeutschen Rates der VVN“. Der Gesamtdeutsche Rat der VVN bestand auch nach der Gründung beider deutscher Staaten 1949 fort, er wurde erst 1951 durch die Bundesregierung verboten.

Die Gelsenkirchener Vereinigung nahm ebenfalls den Namen VVN an. In der Kreisvereinigung Gelsenkirchen bestanden zu der Zeit drei Ortsgruppen in Gelsenkirchen, Buer und Horst sowie zwei Büros in der Horster Straße 18 in Buer und in der Von-Oven-Straße 5 in Gelsenkirchen.

1947/48 von der VVN auf dem Friedhof Horst-Süd errichtetes Denkmal für den antifaschistischen Widerstand, zur Erinnerung an die 1920 im Anschluss an den Kapp-Putsch von rechtsradikalen Freikorps ermordeten Mitglieder der „Roten Ruhrarmee“ und ergänzt um Horster Widerstandskämpfer 1933-1945, insbesondere der Franz-Zielasko-Gruppe

Gedenkveranstaltungen und die Schaffung von Gedenkorten nahmen in der Anfangszeit einen breiten Raum ein. Die ersten Denkmäler waren bereits von jüdischen Überlebenden 1947 auf dem wiederhergestellten jüdischen Friedhof in Buer und 1948 auf dem Gelände von Gelsenberg (heute Horster Südfriedhof) für 250 jüdische Ungarinnen und Rumäninnen geschaffen worden. 1947/48 errichtete die VVN auf dem Horster Südfriedhof ihr erstes Denkmal, für den antifaschistischen Widerstand, zur Erinnerung an die 1920 im Anschluss an den Kapp-Putsch von rechtsradikalen Freikorps ermordeten Mitglieder der „Roten Ruhrarmee“ (das ursprüngliche Denkmal war von den Nazis zerstört worden) und ergänzt um Horster Widerstandskämpfer 1933-1945, insbesondere der Franz-Zielasko-Gruppe. Am 10. September 1950 schließlich wurde das Mahnmal für alle Opfer der Nazi-Diktatur der VVN im Stadtgarten Gelsenkirchen der Öffentlichkeit übergeben.

Das Mahnmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft im Gelsenkirchener Stadtgarten wurde auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) mit Unterstützung der Stadt errichtet und am 10. September 1950 feierlich der Öffentlichkeit übergeben. Es wird jährlich während des Ostermarschs und am Antikriegstag besucht.

Die Bekämpfung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN)

Mit dem Kalten Krieg, dem aus der Nazizeit übernommenen Antikommunismus und der Ost-West-Konfrontation veränderte sich das politische Umfeld für die VVN in beiden Teilen Deutschlands.

Am 14./15. April 1951 fand im Hans-Sachs-Haus der „Deutsche Kongress der Widerstandskämpfer, der Opfer des Faschismus und des Krieges“ statt, der sich für die Durchführung einer Volksbefragung gegen die Remilitarisierung und für den Abschluss eines Friedensvertrages aussprach und damit im völligen Gegensatz zur Politik der CDU-geführten Bundesregierung stand. Ein anschließender Schweigemarsch zum Mahnmal im Stadtgarten wurde durch die Polizei aufgelöst. Im Zuge der Auseinandersetzung um die Volksbefragung zur Remilitarisierung verbot die Bundesregierung die VVN, da die Volksbefragung einen Angriff auf die verfassungsmäßige Ordnung darstelle.

Der Gesamtdeutsche Rat der VVN in Frankfurt am Main wurde aufgelöst, der VVN-Landesverband Nordrhein-Westfalen aufgrund der föderalen Struktur der Bundesrepublik dagegen nicht. Als einzige Kreisvereinigung, offenbar wegen des o.g. Kongresses, wurde am 8. April 1952 die VVN Gelsenkirchen aufgelöst, ihre Akten beschlagnahmt und die Büros geschlossen. Sie konnte erst am 8. September 1957 wieder gegründet werden. Dennoch hatte Ende der 1950er Jahre die VVN in der Stadt 267 Mitglieder, 169 in Gelsenkirchen, 72 in Buer und 26 in Horst.

Ein Verbotsantrag der Bundesregierung ab 1959 vor dem Bundesverwaltungsgericht, der die gesamte VVN einschließlich aller Landesverbände und Kreisvereinigungen verbieten sollte, erwuchs sich zum Skandal angesichts der Nazi-Vergangenheit des Senatspräsidenten. Das Verfahren wurde nach einer Änderung des Vereinsgesetzes schließlich 1964 eingestellt. Das schwebende Verbotsverfahren diente jedoch auch in Gelsenkirchen zur Behinderung der Arbeit der VVN durch Polizei und Behörden.

2. Von den 1960er zu den 1980er Jahren – Die VVN-Bund der Antifaschisten

Gemeinsam mit anderen engagierte sich die VVN und ihre Mitglieder in den 1960er Jahren gegen den Atomtod („Ostermärschen gegen den Atomtod“), gegen die Notstandsgesetze und den wiedererstarkenden Neofaschismus (NPD). Die gesellschaftlichen Veränderungen ab den 1960er Jahren führten zu einem Wandel im öffentlichen Klima, der auch der VVN zu gute kam.

In Gelsenkirchen lud die VVN am 8. Mai 1965, zum „20. Jahrestag der Beendigung des Krieges und der Beseitigung des NS-Regimes“ zu einer Kundgebung auf dem Hauptmarkt (heute Margarethe-Zingler-Platz) ein. Gegen Kundgebungen der NPD am 6. September 1969 auf dem Buerschen Marktplatz und am am 18. September 1969 auf dem Hauptmarkt gab es massive Störungen durch Gegendemonstranten. Eine „Bürgerinitiative gegen den Neonazismus“ rief den Polizeipräsidenten auf, die Kundgebung zu verbieten.

Im Zuge der beginnenden Entspannungspolitik setzte sich die VVN für Versöhnung und Frieden ein. Vom 18. – 24. Oktober 1969 führte die Kreisvereinigung eine „Woche der Begegnung und Gespräche mit Bürgern der DDR“ durch. Zum Programm gehörten ein Gottesdienst in der Kreuzkirche Gelsenkirchen-Feldmark mit Pfarrer Breithaupt (DDR), weitere Veranstaltungen im Lutherhaus der Kirchengemeinde Schalke und einer kulturellen Abschlussveranstaltung in der Aula der Frauenfachschule Königstraße mit einer Gruppe des Deutschen Theaters Berlin.

Öffnung zum VVN-Bund der Antifaschisten

Angesichts älter werdende Widerstandskämpfer und Verfolgte und mit dem wachsenden Interesse an antifaschistischer Arbeit durch Jüngere in den 1960er Jahren öffnete sich die VVN für jeden, der sich zu ihrem Programm bekannte. Seinen Abschluss fand dieser Prozess auf dem Bundeskongress in Oberhausen 1971, der die Erweiterung der Organisation zur „VVN-Bund der Antifaschisten“ beschloss.

In den 1970er Jahren nahm die Aktivität der Kreisvereinigung ab, man beteiligte sich überwiegend an Bündnisaktivitäten. Die Versuche, junge Mitglieder zu werben, brachten kaum Erfolge. 1979 zählte die Kreisvereinigung 81 fast ausschließlich ältere Mitglieder. Dagegen wuchs das Interesse an der Erforschung der NS-Vergangenheit in der Bevölkerung. Sowohl am Begleitprogramm einer im Bildungszentrum in Gelsenkirchen und im Jugendzentrum Pappschachtel in Buer 1979 gezeigten Ausstellung „Kristallnacht – nicht vergessen und nie wieder“ wie an der Entstehung der Ausstellung „Gelsenkirchen 1933-45. Verfolgung, Widerstand, Flugblätter der Alliierten“, die im Oktober 1980 im Bildungszentrum präsentiert wurde waren VVN-Mitglieder als Zeitzeugen beteiligt. Der Ausstellung folgte 1981 die Buchveröffentlichung „Beispiele des Widerstands“ gefolgt von einer erweitern Auflage 1982 „Beispiele der Verfolgung und des Widerstands“.

Neu erwachtes Interesse am Antifaschismus

Umschlag der 2. Auflage der Dokumentation zu Verfolgung und Widerstand aus dem Jahre 1982

Das erwachte Interesse an antifaschistischer Arbeit, das sich nicht nur in der Beschäftigung mit dem historischen Faschismus erschöpfte, sondern sich auch gegen die verstärkten Aktivitäten von Alt- und Neo-Nazis richtete, führte in den 1980er Jahren zu einem Generationswechsel. Er ermöglichte Bündnisse mit Jugendorganisationen und zur neu entstandenen Partei „Die Grünen“. Von Beginn an beteiligte sich die VVN im Gelsenkirchener Friedensplenum.

Im Mai 1982 initiierte die VVN mit einer Einladung in das Jugendzentrum Pappschachtel die Gründung der „Initiative gegen Neonazismus und Ausländerfeindlichkeit“. Kaum eine Woche später, am 18. Mai 1982, wurde die Pappschachtel durch Brandstiftung zerstört. In den Trümmern fand man ein Schild: „Schade das Ihr nicht mit verbrannt seid VVN“.

1984 veranstaltete die VVN in der Gesamtschule Berger Feld ein „Friedensfest“ unter dem Motto „Für Frieden und Völkerverständigung – gemeinsam weiter gegen Atomraketen und neue Nazis“, zu dem über 700 Besucher kamen. Im Mai 1984 begann der Kreisverband mit der Herausgabe der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift „GE-Voran“. Im September 1985 zogen sieben Organisationen, darunter die VVN und Die Grünen, in den ehemaligen Buchladen „Trotz Alledem“ in der Weberstraße ein.

Umschlag der einzigen Gesamtdarstellung zur Geschichte der VVN / Bund der Antifaschisten Gelsenkirchen 1947 bis 1987

Nach Auseinandersetzungen um die Kranzniederlegung von HIAG (ehemalige Angehörige der Waffen-SS) und NPD anlässlich des Volkstrauertages auf dem Hauptfriedhof Buer und dem Aufmarsch der Neofaschisten am Volkstrauertag 1983, führte die VVN 1984 und 1985 eine eigene, würdevolle Gedenkkundgebung durch. Nachdem dort keine Nazis mehr auftauchten, änderte der Rat der Stadt die Friedhofssatzung dahingehend, dass die VVN keine Gedenkfeier mit Demonstrationscharakter mehr durchführen durfte. Als sie es 1986 dennoch taten, um auf die neue Regelung aufmerksam zu machen, entfachte das eine öffentliche Debatte. In einem Offenen Brief wurde der damalige Oberstadtdirektor und die Stadtverwaltung dafür kritisiert, dass nicht über Neonazis, sondern über vorgebliche Rechtsverstöße von Antifaschisten geredet wird.

Mit dem Jahr 1987 erfolgte eine gewisse Beruhigung in Gelsenkirchen, als bei der Benennung von vier innerstädtischen Plätzen nach Gegner und Opfer des Naziregimes nicht nur eine Sozialdemokratin (Margarethe-Zingler-Platz, 1986) und ein Christ (Heinrich-König-Platz, 1987), sondern mit Fritz Rahkob auch ein Kommunist (Fritz-Rahkob-Platz, 1987) Berücksichtigung fand. 1988 folgte noch der Leopold-Neuwald-Platz stellvertretend für die verfolgten und ermordeten Juden Gelsenkirchens.

Das Jahr 1989 bedeutete für die VVN-Bund der Antifaschisten eine Zäsur. Mit dem Ende der DDR fielen umfangreiche Finanzhilfen an die Bundesorganisation in Frankfurt am Main weg und brachte die VVN an den Rand ihrer Existenz. Die Gesamtorganisation musste sich finanziell und politisch umorientieren, was ihr auch gelang. Seit 2002 gibt es eine gesamtdeutsche VVN-BdA und mit ihr die größte antifaschistische Organisation in Deutschland.

3. Die VVN-BdA Gelsenkirchen seit der Neugründung 2006

Die Neugründung der Kreisvereinigung Gelsenkirchen der sich jetzt „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ bezeichnenden Organisation erfolgte Anfang 2006 in einem Umfeld, den das „Bündnis gegen Rechts“ und das „Friedensforum Gelsenkirchen“ mit vorbereitet hatten. Zu den Themenfeldern der Kreisvereinigung gehören seitdem das Wachhalten der Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand, Aktivitäten gegen Rechtsextremismus in der Gegenwart und der Einsatz für den Frieden. Sie steht „für eine Welt ohne Rassismus, Antisemitismus, Nazismus und Militarismus, ohne Ausgrenzung, ohne Faschismus und Krieg.“

Das „Bündnis gegen Rechts“ war im Jahr 2000 als Bündnis von Einzelpersonen gegründet worden, das auf rechtsextreme Aktivitäten reagieren und die rechte Szene beobachten wollte. Das „Friedensforum Gelsenkirchen“ hatte sich im Jahr 2002 als weiteres überparteiliches Personenbündnis gebildet, das sich für eine friedliche Politik nach innen und außen einsetzt. Es engagiert sich nach der Maxime, dass Krieg kein Mittel der Politik sein darf, sondern dass es immer auch friedliche Möglichkeiten gibt, Konflikte zu lösen.

Das Friedensforum organisiert jährlich den Gelsenkirchener Beitrag zum Ostermarsch Rhein-Ruhr mit dem Empfang des Fahrrad-Korsos aus Essen im Gelsenkirchener Stadtgarten und einer Rede am durch die VVN errichteten Mahnmal. Zum Ostermarsch 2013 sprach Katja Erzkamp für die VVN-BdA Gelsenkirchen gegen die Bundeswehrwerbung in Schulen, zum Ostermarsch 2016 Knut Maßmann unter anderem zur Bedeutung von Denkmalen und kritisierte das Nazi-Schwert vom Schalker Verein.

In den Jahren 2003 bis 2006 führte das Friedensforum eine Veranstaltung anlässlich des Antikriegstages mit jeweils aktuellen Themen durch. Zum Antikriegstag am 1. September 2006 luden das Friedensforum Gelsenkirchen und die VVN-BdA Gelsenkirchen gemeinsam zu einem Bericht über die Friedensbewegung in Japan durch Hannelore Tölke, Landesprecherin der VVN-BdA NRW ein. Im Flugblatt erinnerten beide Organisationen an die Erklärung deutscher Bürgermeister zur Abschaffung von Atomwaffen „Mayors for Peace“, die Frank Baranowski im Jahr 2005 mit weiteren Bürgermeistern des Ruhrgebietes unterschrieben hat.

Gedenkveranstaltung auf dem Fritz-Rahkob-Platz am 25.08.2008

Seit 2006 führt die VVN-BdA in Gelsenkirchen am Jahrestag der Ermordung des Widerstandskämpfers Fritz Rahkob am 24. August 1944, eine antifaschistische Kundgebung an dem nach ihm benannten Fritz-Rahkob-Platz in der Gelsenkirchener Innenstadt durch. Am 1. August 2011 wurde ein Stolperstein für Erich Lange am Ort seiner Ermordung an der Ecke Ebertstraße/Am Rundhöfchen verlegt, für den die Gelsenkirchener VVN-BdA die Patenschaft übernommen hatte.

In den Jahren 2011 bis 2017 beteiligen sich Mitglieder der Kreisvereinigung an einer jährlichen Kundgebung zum Antikriegstag auf dem Preuteplatz in Gelsenkirchen, an dem sich ein Demonstrationszug zum Mahnmal im Stadtgarten anschließt. An diesem Bündnis beteiligen sich auch Mitglieder der Die Linke, der DKP, von AUF/MLPD sowie der Piraten. 2014 zog man nach der Kundgebung zu einem Kriegerdenkmal des hundert Jahre zuvor begonnenen Ersten Weltkrieges und erinnerte auch an Deserteure beider Kriege, 2015 zog man durch die Innenstadt und besuchte Stolpersteine, an denen die jeweiligen Paten an die dahinterstehenden Lebensgeschichten erinnerten. 2015 wurde anlässlich der angekündigten Demonstration der Partei „Die Rechte“ von Essen-Kray nach Gelsenkirchen-Rotthausen aus dem „Antikriegstagsbündnis“ das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“. Es rief zu einer Gegendemonstration an der Stadtgrenze auf, die dazu führte, dass „Die Rechte“ ihren Aufmarsch abbrechen musste und Gelsenkirchener Stadtgebiet nicht erreichte. Der Versuch, zum Antikriegstag 2016 ein stark verändertes Veranstaltungsformat zu etablieren, führte zu Spannungen zwischen den Bündnispartnern.

Jährlich nehmen Mitglieder der Kreisvereinigung Gelsenkirchen an der 1964 von SJD-Die Falken ins Leben gerufenen und seit 1992 von der „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ durchgeführten Gedenkveranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 als Teilnehmer teil. Der Aufnahmeantrag der Kreisvereinigung an die „Demokratische Initiative“, in der sich insgesamt 23 Organisationen, „demokratische Parteien, Kirchen, karitative Einrichtungen, Gewerkschaften und weitere Gruppen zusammengeschlossen (haben), um für ein demokratisches Miteinander in unserer Stadt einzutreten” wurde 2015 ohne Begründung abgelehnt.

Antikriegstag 2012

Antifaschismus ist mehr als eine Gegenbewegung

Die ersten beiden Teile dieses Beitrages fußen im Wesentlichen auf das 1988 von Hartmut Hering und Marlies Mrotzek veröffentlichte Buch über die damals 40jährige Geschichte der Gelsenkirchener VVN. Am Ende ihrer Darstellung ziehen die beiden Autoren folgendes Resümee:

„Eine der wichtigsten Aufgaben der VVN ist die Weitergabe der Erkenntnis, dass die Gefahr von Rechts endgültig nur zu beseitigen ist durch gemeinsam zu erkämpfende gesellschaftliche Veränderungen. Die VVN bemüht sich daher mittlerweile nicht nur um starke Bündnisse im Kampf gegen den Neofaschismus. Vielmehr wird jede Bewegung in der VVN einen politischen Partner finden, die sich für die Sicherung des Friedens durch Abrüstung, für den Ausbau der Demokratie und für die Beschleunigung und Festigung des sozialen Fortschritts einsetzt … In diesem Sinne war und ist der Antifaschismus stets mehr als nur eine Gegenbewegung.“

Dem ist in einer Gegenwart, die von wachsenden militärischen Auseinandersetzungen und dadurch wachsenden Flüchtlingsströmen, immer weiter zunehmender sozialer Ungerechtigkeit, Medien- und Politikerverdrossenheit (nicht Politikverdrossenheit) nichts hinzuzufügen.

Gegenwärtig trifft sich die Gelsenkirchener VVN-BdA regelmäßig im Alfred-Zingler-Haus im Margaretenhof 10-12. Das Haus von SJD-Die Falken ist nach dem von den Nazis 1944 ermordeten SPD-Politiker benannt. Wer unsere Ziele teilt, ist herzlich willkommen: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

Quellen

Beispiele der Verfolgung und des Widerstandes in Gelsenkirchen 1933-45. Hrsg.: Schul- und Kulturdezernat der Stadt Gelsenkirchen. Red.: Hartmut Hering/Marianne Kaiser, 2., erw. Aufl., Gelsenkirchen 1982
Und das ist unsere Geschichte. Gelsenkirchener Lesebuch. Hrsg.: Hartmut Hering, Michael Klaus, Oberhausen 1984
Für uns begann harte Arbeit. Gelsenkirchener Nachkriegslesebuch. Hrsg. von Hartmut Hering, Hugo Ernst Käufer, Michael Klaus, Oberhausen 1986
Hering, Hartmut und Marlies Mrotzek: Antifaschismus ist mehr als eine Gegenbewegung. 40 Jahre Kampf für Frieden, Demokratie und sozialen Fortschritt am Beispiel der VVN / Bund der Antifaschisten Gelsenkirchen 1947 – 1987, Gelsenkirchen 1988

Anmerkungen

Eine erste Fassung dieses Beitrages findet sich im WIKI der Gelsenkirchener Geschichten, eine zweite in drei Teilen im Blog „Antifaschistisches Gelsenkirchen“.